Elektromobilität im Aargau – AZ

Elektromobilität im Aargau: Wie gut die Infrastruktur ist, wo es Gratisstrom gibt und welche Hürden noch bestehen

Der Kanton Aargau macht vorwärts mit der Elektromobilität: Das Netz an öffentlichen Ladestationen ist bereits überdurchschnittlich dicht. Mieterinnen und Mietern fehlt der Zugang zu Strom fürs Auto allerdings noch häufig.

Ann-Kathrin Amstutz
Während des Einkaufs gratis das Elektroauto aufladen: Das ist mittlerweile in vielen grossen Einkaufszentren möglich, so etwa im Wynecenter in Buchs.

Während des Einkaufs gratis das Elektroauto aufladen: Das ist mittlerweile in vielen grossen Einkaufszentren möglich, so etwa im Wynecenter in Buchs.

Alex Spichale

5780 – so viele Elektroautos sind gemäss aktuellen Zahlen des Bundesamts für Strassen im Kanton Aargau registriert. Und bald werden es bedeutend mehr sein: Wer ein neues Auto kauft, entscheidet sich immer öfter für ein Elektroauto.

11,5 Prozent aller im Aargau neu zugelassenen Autos sind rein elektrisch angetrieben, wie Zahlen des Verbandes Swiss eMobility zeigen. Nimmt man noch die sogenannten Plug-in-Hybride hinzu, die einen teilweise elektrischen Antrieb haben, liegt der Wert sogar über 20 Prozent. Ein Trend, der sich noch verstärken wird.

Bereits darauf aufgesprungen ist Gian von Planta. Der GLP-Grossrat ist seit zwei Jahren E-Autofahrer. Als stellvertretender Geschäftsführer der SWL Energie AG in Lenzburg befasst er sich auch beruflich mit der Energieversorgung. «Die öffentlich nutzbare Infrastruktur hat sich in den letzten zwei Jahren stark entwickelt», sagt von Planta. Beim Einkaufen, an der Autobahn oder bei Gastronomiebetrieben gebe es viele Lademöglichkeiten.

Mieterinnen und Stockwerkeigentümer müssen oft um Ladestation kämpfen

GLP-Grossrat Gian von Planta.

GLP-Grossrat Gian von Planta.

Claudio Thoma

Doch von Planta sagt auch: «In der Schweiz ist die öffentlich nutzbare Infrastruktur der privaten voraus.» Im privaten Bereich ortet von Planta ein Problem: Mieterinnen und Stockwerkeigentümer hätten es teilweise schwer, Zugang zu einer privaten Ladestation zu bekommen.

«Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer können selbst entscheiden, eine Ladestation zu installieren – nicht aber Menschen, die eine Wohnung gemietet haben oder in Stockwerkeigentum wohnen», erklärt Gian von Planta. «Sie müssen oft um die Installation einer Ladestation kämpfen.»

Aus diesem Grund hat der GLP-Grossrat zusammen mit Die Mitte-Grossrat Werner Müller im Frühling von der Aargauer Regierung gesetzliche Grundlagen gefordert, um die Installation von Elektroladestationen bei Neubauten und Garagensanierungen zu fördern. Das würde helfen, die grösste Hürde bei der Anschaffung eines Elektroautos zu beseitigen, ist von Planta überzeugt:

«Wer ein Elektroauto hat, muss es vor allem zu Hause und im Geschäft laden können.»

Denn mit einer Reichweite von 350 Kilometern, die heute bei den meisten Modellen üblich sei, müsse man ausser auf längeren Reisen nicht auswärts tanken. «Ich selbst lade nur selten an öffentlichen Tankstellen», erklärt von Planta.

Über 500 öffentliche Ladeplätze auf Kantonsgebiet

Sollte das auswärtige Laden trotzdem einmal nötig sein, finden E-Autofahrerinnen und -fahrer im Aargau gute Voraussetzungen vor. Im Kanton muss man sich keine Sorgen machen, mit leerer Batterie irgendwo zu stranden. Immer dichter wird das Netz an Ladestationen, und zwar schneller als in anderen Kantonen. Gemäss Zahlen des Bundesamtes für Energie gab es Anfang August im Aargau 236 öffentlich zugängliche E-Tankstellen. Weil viele davon mehr als einen Anschluss haben, macht das total 503 Ladeplätze.

Wo im Kanton die Ladestationen verteilt sind, sehen Sie auf der interaktiven Karte (Datenquelle: Bundesamt für Energie/ich-tanke-strom.ch):

Das ist bereits deutlich mehr als im Herbst 2020: Seit November letzten Jahres ist die Zahl der Ladestationen im Kanton um 35 Prozent angestiegen. Damit geht es im Aargau im kantonalen Vergleich überdurchschnittlich schnell vorwärts: Er weist die vierthöchste prozentuale Zunahme auf. Und das liegt nicht daran, dass der Aargau auf tiefem Niveau zugelegt hat, auch bei der absoluten Zahl an Ladestationen liegt der Kanton auf Rang vier.

Überdurchschnittlich dichtes Netz

Bezüglich geografischer Dichte an Ladestationen sieht es im Aargau ebenfalls gut aus: Auf 100 Quadratkilometer kommen 35 Ladestationen. Im schweizweiten Vergleich ist das der fünftbeste Wert – deutlich über dem landesweiten Schnitt von 15 Ladestationen pro 100 Quadratkilometer.

Bei der Anzahl Ladestationen pro 10’000 Einwohnern befindet sich der Aargau exakt im gesamtschweizerischen Durchschnitt. Das bedeutet 7 Ladestationen pro 10’000 Personen. Das klingt nach wenig, ist aber mehr als in den bevölkerungsstarken Kantonen Zürich oder Bern.

Insbesondere entlang der Autobahnen wird die Lade-Infrastruktur weiter ausgebaut. Bis am Freitag, 27. August 2021, ist der A1-Rastplatz in Othmarsingen gesperrt, weil Ladeplätze für E-Fahrzeuge gebaut werden. Auf dem Autobahnrastplatz in Oftringen wurde bereits im Frühling eine Stromtankstelle mit acht Hochleistungsladeplätzen installiert.

Dort können auch E-Lastwagen ihre Akkus laden. Das Ladeangebot für elektrischen Schwerverkehr ist immer mehr gefragt. Soeben hat die Firma Feldschlösschen die schweizweit grösste Flotte an vollelektrischen Lastwagen in Betrieb genommen.

Auf dem Autobahnrastplatz Oftringen Ost wurde im Frühling eine E-Ladestation gebaut, die auch für elektrische Lastwagen geeignet ist.

Auf dem Autobahnrastplatz Oftringen Ost wurde im Frühling eine E-Ladestation gebaut, die auch für elektrische Lastwagen geeignet ist.

zvg

Ein guter Tipp für alle E-Autolenker: An einigen Ladestationen kann man sogar gratis tanken. So betreiben mittlerweile viele grosse Einkaufszentren von Migros, Lidl oder Aldi eine Gratisladestation, etwa das Wynecenter in Buchs oder der Lidl in Muri. Auch ausgewählte Autogaragen, Restaurants, Bankfilialen und Private bieten öffentlich zugänglichen Gratisstrom an.

Mehrere Websites listen auf, wo Gratisladen möglich ist. So ist auf der Website ich-tanke-strom.ch einsehbar, wo man zu welchem Preis laden kann. Zudem wird in Echtzeit angezeigt, ob die Ladestation gerade besetzt ist. Die App des Vereins Lemnet zeigt ebenfalls Gratislademöglichkeiten an.

Events rund um die E-Mobilität im Aargau

Elektroflugzeug startet auf dem Flugplatz Birrfeld

Am 4. September startet das Elektroflugzeug «Pipistrel» zweimal vom Flugplatz Birrfeld. Es ist die Hauptattraktion des eMobility Days, organisiert vom Energieversorger AEW Energie AG. Am Anlass soll Elektromobilität erlebbar werden: Verschiedene Elektrofahrzeuge und E-Ladestationen sind ausgestellt. Zudem können die Besucherinnen und Besucher E-Carsharing-Fahrzeuge auf einer Probefahrt testen.

E-Mobil-Rallye führt durch den Aargau

Wer ein Elektroauto, ein Elektromotorrad oder ein E-Bike besitzt, kann an der WAVE-Trophy Zentralschweiz 2021 teilnehmen. Am Wochenende vom 27. bis 29. August findet die E-Mobil-Rallye statt. Der Start erfolgt am Freitag in Küssnacht SZ, am Samstagnachmittag kommt der Tross dann im Aargau an: Die Route führt zum Schloss Hallwyl und abends nach Baden. Am Sonntag geht’s über das Schloss Wildegg nach Rheinfelden, wo die diesjährige Rallye endet. (aka)

Stromnetze würden nicht überlastet, beruhigt Gian von Planta

Bei allen Vorteilen der E-Mobilität gibt es auch immer wieder kritische Stimmen. Sie warnen etwa davor, dass die Zunahme der E-Mobilität zu einer Überlastung des Stromnetzes oder zu Versorgungsengpässen führen könnte. Dem widerspricht Energieexperte Gian von Planta. Solche Schwierigkeiten seien nicht zu befürchten, er sagt:

«Aus meiner beruflichen Erfahrung kann ich sagen: Die Versorger sind darauf vorbereitet und können bei Bedarf die Netze mittels Ausbau oder Steuerung anpassen.»

Auch von der Vielzahl an Abo- und Bezahlsystemen für den Strombezug sollte man sich nicht abschrecken lassen, findet von Planta. «Die Angst ist unbegründet, dass man an gewissen Stationen nicht laden kann, weil man kein Abo beim jeweiligen Versorger hat.» Im schlimmsten Fall müsse man sich registrieren und eine App herunterladen, um die Bezahlung abzuwickeln. Das gehe aber schnell und ohne weitere Verpflichtungen, versichert von Planta.

Diese Steckertypen sind bei uns verbreitet

Gut informieren sollte man sich aber über den Ladeanschluss des eigenen Autos. Denn nicht alle Autos können an allen Stationen laden. In der Schweiz sind vier Steckertypen verbreitet: Typ 1, Typ 2, CCS und CHAdeMO. Hinzu kommt der Supercharger von Tesla, der bislang aber Autos dieser Marke vorbehalten ist.

autoblog.amag.ch

Am weitesten verbreitet ist bei uns der Stecker Typ 2. Die meisten Autos von europäischen Herstellern verwenden ihn. Er erlaubt eine Ladeleistung bis zu 43 kW, an den meisten Ladestationen mit Typ-2-Anschluss sind aber 22 kW üblich. Asiatische und amerikanische E-Autos sind meist auf den Stecker Typ 1 ausgerichtet. Er ermöglicht Ladeleistungen bis zu 7,4 kW.

Dann gibt es noch den CCS (Combined Charging System) oder Combo 2 Stecker. Das Schnellladesystem erlaubt eine Ladeleistung bis zu 170 kW, in der Praxis sind es aber meist 50 kW. Der vierte Stecker ist der CHAdeMO-Stecker. Das Schnellladesystem aus Japan wird allerdings immer seltener eingesetzt, weshalb es in der Schweiz nur relativ wenige CHAdeMO-Ladestationen gibt.

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