SP beschliesst Stimm-Freigabe für Veras – und erntet intern wie bei Gegnern Kritik – AZ
Am 14. Juni entscheidet das Aargauer Stimmvolk über 384 Millionen Franken zur Verkehrsentlastung im Raum Suhr. Es ist das grösste Strassenprojekt, das der Aargau je geplant hat. Es gehe um Lebensqualität, sagt eine Befürworterin der SP. Für die GLP ist es ein überdimensioniertes Vorhaben.
Exklusiv für Abonnenten
Darum geht es
- Das «Verkehrsinfrastruktur-Entwicklung Raum Suhr» – kurz Veras – ist das grösste Tiefbau-Projekt, das der Kanton je realisiert hat.
- Er beantragt dem Aargauer Stimmvolk einen Kredit in der Höhe von 384 Millionen Franken.
- Die Delegierten der SP Aargau haben für die Veras-Abstimmung vom 14. Juni Stimmfreigabe beschlossen.
- Das sorgt parteiintern und bei Gegnern für heftige Kritik.
Wer im Raum Suhr auf der Strasse unterwegs ist, steckt nicht nur zu Stosszeiten, sondern auch am Wochenende häufig im Stau. Das hohe Verkehrsaufkommen, davon etwa 50 Prozent Durchgangsverkehr, und die langen Wartezeiten an den Bahnübergängen führen oft zu einem grossen Zeitverlust, was bei Betroffenen für viel Ärger sorgt. Der Handlungsbedarf ist seit Jahrzehnten gegeben.

Übersicht über die geplante neue Verkehrsführung mit Veras.
Eine grosse Hürde nahm das Vorhaben im vergangenen Dezember im Grossen Rat. Mit 107 zu 27 Stimmen hiess das Kantonsparlament den Verpflichtungskredit über 384 Millionen Franken gut. Alle Nein-Stimmen kamen von GLP, Grünen und SP. GLP-Grossrat Gian von Planta lancierte das Behördenreferendum. Deshalb entscheidet nun das Aargauer Stimmvolk am 14. Juni an der Urne über die Vorlage.
Grünliberaler möchte mehr öffentlichen Verkehr
Bei den Genossinnen und Genossen ist Veras umstritten, wie sich am Parteitag in Zofingen zeigte. Marius Fedeli (SP) aus Buchs, der im Grossen Rat für Veras stimmte, moderierte ein Podium mit Fraktionskollegin Lucia Lanz (Pro) und Gian von Planta (Kontra) über die verkehrs- und raumplanerischen Auswirkungen des Projekts. Für die engagierte Diskussion mit dem Publikum blieb wenig Zeit, was einige Delegierte bedauerten.

Am Parteitag der SP Aargau leitete SP-Grossrat Marius Fedeli ein Podium mit Parteikollegin und Veras-Befürworterin Lucia Lanz. Die Gegenseite vertrat GLP-Grossrat Gian von Planta (rechts).
Veras sei Teil einer übergeordneten Planung, bei der es um die Abstimmung der Verkehrs- und Siedlungsentwicklung über Suhr hinaus gehe, sagte Marius Fedeli. Für Lucia Lanz ist klar: «Veras ist die Lebensader für das Wynental und die Region.» Sie betont, dass es um mehr geht als eine Dorf-Umfahrung von Suhr. Diese Verkehrsplanung habe vor 50 Jahren begonnen und sichert die wirtschaftliche und soziale Zukunftsfähigkeit.
Ganz anders tönte es bei Gian von Planta. Er nannte drei Hauptkritikpunkte: «Erstens ist Veras vier- bis zehnmal teurer als alle anderen Umfahrungen, die wir im Aargau gebaut haben.» Zweitens werde diese doppelte Umfahrung zu mehr Verkehr führen und drittens sei Veras keine richtige Umfahrung. Es sei ein Strassenprojekt, sagte er. Denn auch nach dem Bau von Veras werde es in Suhr eine Hauptverkehrsachse geben, auf der täglich 13’000 Fahrten bei einer erlaubten Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h abgewickelt werden.
Problemlösung oder Problemverschiebung?
Das Wynental mit «seiner schwierigen topografischen Lage» müsse man gegen Norden zwingend besser erschliessen, antwortete Lucia Lanz auf die Frage nach der zu erwartenden Entlastung. Sie erwähnte das Bevölkerungswachstum im Bezirk Kulm und im ganzen Kanton, trotz Geburtenrückgang. Ohne angemessene Verkehrspolitik führe dies zu einem Kollaps. Veras bringt, so Lanz, mehr Lebensqualität, kürzere Arbeitswege sowie weniger Stress und Stau.

SP-Grossrätin Lucia Lanz steht für den Bezirk Kulm ein.
Mit der besseren Erschliessung für das Gewerbe würden Arbeitsplätze gesichert. «Unser Bezirk hat die höchste Arbeitslosenquote im Kanton», so Lucia Lanz. Mit einer schlechten Erschliessung würden mehr Firmen schliessen oder wegziehen an einen Ort, an dem die Logistikbedingungen besser sind.
Die bessere Erschliessung mit dem Auto sei genau die Kehrseite von Veras, weil das zu mehr Verkehr führe, konterte Gian von Planta. Es brauche mehr öffentlichen Verkehr. «Wir haben eine Bahn, aber die ist sehr langsam», sagte der Grünliberale. Da müsse man mehr investieren.
Gian von Planta zog zum Vergleich die Umfahrungen von Mellingen und Bad Zurzach . Da sei der Ortskern massiv entlastet und eine Begegnungszone eingeführt worden. Das müsste man auch in Suhr machen, fand der Badener. Und Tempo 30 einführen.
Lanz erinnerte daran, dass das Projekt zugunsten des Langsamverkehrs gestärkt wurde, was neben der Teuerung zu höheren Kosten geführt habe. Mit dem Tunnel wollte man möglichst wenig Kulturland zerstören. Nichts zu tun, wäre die schlechteste Option für die kommenden Generationen, so die Befürworterin.

GLP-Grossrat Gian von Planta aus Baden hat das Behördenreferendum gegen Veras ergriffen.
Den grössten Kostentreiber sieht der Grünliberale hingegen im überdimensionierten Projekt, das auch als Autobahnzubringer dient. Für den Langsamverkehr seien lediglich drei Prozent der Kosten reserviert.
Leidensdruck führte zu Meinungsumschwung
Aus dem Plenum meldete sich ein Suhrer, der 35 Jahre gegen die Umfahrung war und nun seine Meinung geändert hat. Die Stausituation sei unerträglich, auch der Bus bleibe stecken, sagte er. Thomas Helbling erklärte das Dilemma so: «Uns von der SP Gränichen tut es in der Seele weh, je ein Strassenprojekt zu unterstützen.» Aber durchschnittlich stehe man über eine halbe Stunde im Stau durch das Dorf und das drücke auf die Lebensqualität.
Eine Reinacherin warnte davor, dass die Probleme für Reinach und Kulm mit Veras nicht gelöst seien. Juso-Mitglied Elias Erne aus Suhr lehnt Veras klar ab: «Es ist ein Projekt aus dem letzten Jahrtausend und fördert den Autoverkehr.»
SP-Aargau-Co-Präsidentin Lucia Engeli aus Unterentfelden erwähnte, dass sich der Kanton bei der Velobrücke an der niederländischen Velostadt Utrecht orientiert habe. Jeder müsse für sich beurteilen, ob Veras genug grün sei. Die Delegierten folgten mit 66 zu 25 Stimmen der Empfehlung der SP-Geschäftsleitung und beschlossen die Stimmfreigabe. Für das Nein-Komitee ist es eine verpasste Chance auf eine klare Positionierung.





Dein Kommentar
An Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns Deinen Kommentar!